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Aktuelles / Nachrichten

Die BIF beim Fernsehfilmfestival Baden-Baden:
Die Lebenswelt der Migranten in Deutschland

Am 29. November zum Auftakt des diesjährigen Fernsehfilmfestivals Baden-Baden, das vom 29.November bis zum 2. Dezember 2006 stattfand, veranstaltete die Bundesinitiative Integration und Fernsehen (BIF) des ZKM I Institut für Medien, Bildung und Wirtschaft in Kooperation mit dem Verband Deutscher Drehbuchautoren e.V. das Fachprogramm UNTER UNS – UND UNENTDECKT. Die Lebenswelten der Migranten in Deutschland – Impulse für das fiktionale Fernsehen. Mit dem Fachprogramm verfolgte die BIF das Ziel, stoffliche Anregungen für Film- und Fernsehschaffende zum Leben der Migranten zu vermitteln und damit zu einer stärkeren Berücksichtigung dieser Thematik im deutschen Fernsehen beizutragen. Im Vordergrund standen hierbei die Berichte von ausgewählten Milieuexpertinnen, der türkischstämmigen Rechtsanwältin Süheyla Ince und den Vertreterinnen der Vereinigung der Deutschen aus Russland e.V. Irina Kiba und Emilia Schmackow.

Den Expertinnen gelang es aufgrund ihrer persönlichen Zugehörigkeit zu der jeweiligen Bevölkerungsgruppe eine authentische Darstellung sowie einen tiefgreifenden Einblick in die Lebenssituation ihrer Landsleute in Deutschland zu vermitteln. Durch die berufliche Tätigkeit, das Engagement im Verein bzw. private Kontakte verfügen sie über umfassende Kenntnisse der Probleme und Sorgen von Migranten, ihrer Freuden und Sehnsüchte, aber auch über die Themen, die die Zuwanderer bewegen. Das Veranstaltungskonzept der BIF bestand darin, Migranten selbst zu Wort kommen zu lassen und durch ihre Berichte die zwar unter uns, jedoch unentdeckten Welten dem Fachpublikum näher zu bringen und somit Impulse für „andere“, fundierte Ideen aus der ersten Hand für Film- und Fernsehproduktion zu vermitteln, die gleichermaßen einheimische wie auch Zuschauer mit Migrationshintergrund bewegen können.

In der abschließenden Podiumsdiskussion mit Medienexperten und Vertretern der öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehsender wurde die Thematik Migration und Medien diskutiert. Angesprochen wurden ebenfalls Fragen nach der Darstellung von Migranten im Film und Fernsehen, den Auswahlkriterien und Möglichkeiten der Einbindung von Migrationsthematik in diverse Formate sowie nach Grenzen und Potenzialen dieser Prozesse.

Eröffnungsvorträge

Die Fachveranstaltung wurde von dem Schriftsteller und Drehbuchautor Felix Huby eröffnet. Als Vertreter des Verbandes Deutscher Drehbuchautoren e.V. wies Huby auf die noch nicht erkundeten und teilweise verborgenen Potenziale hin, die Migranten für die deutsche Kulturszene bieten. Als Schriftsteller unterstrich er die Notwendigkeit, für Autoren und Filmschaffende diese Potenziale anzunehmen und für die Bereicherung unserer Medienlandschaft – Dokumentation gleichermaßen wie Unterhaltung – zu erschließen. In seiner Rede nahm er Bezug auf die Ergebnisse der vor kurzem in Essen ausgetragenen Medienkonferenz Migration und Integration – Europas größte Herausforderung. Welche Rolle spielen die Medien. Dabei hob er die Intention der öffentlich-rechtlichen Sender hervor, die die Konferenz ins Leben gerufen und wesentlich mitgeprägt haben, intensiver auf die Lebenswelt der Migranten einzugehen, um mit einer entsprechenden Programmgestaltung diese Bevölkerungsgruppe stärker als Zuschauer und Zuhörer zu gewinnen.


Michael Mangold, Initiator der BIF – Bundesinitiative Integration und Fernsehen am ZKM und Leiter des dortigen Instituts für Medien, Bildung und Wirtschaft, stellte zu Beginn seiner Eröffnungsrede die Bundesinitiative vor, die sich als eine bundesweite Austausch- und Informations-Plattform versteht, welche sich gezielt für die stärkere Verankerung der Migrationsthematik im Fernsehen, insbesondere in Unterhaltungsformaten, einsetzt. Ferner verdeutlichte Mangold das Anliegen des Fachprogramms und ermutigte das anwesende Fachpublikum, sich für neue Stoffe zu öffnen, die die Lebenswelt der Menschen mit Migrationshintergrund zu bieten vermögen. Er verwies auf soziale, wirtschaftliche und kulturelle Potenziale, die die Zuwanderer mitbringen und appellierte an die Akteure im Fernsehen diese verborgenen Kräfte verstärkt zu beachten. Mangold betonte, dass die aktuelle BIF-Veranstaltung als Auftakt einer Reihe weiterer Workshops für TV- und Filmschaffende zu verstehen sei. Diese sollen Medien- und Sozialwissenschaftler mit Medienpraktikern (Drehbuchautoren und Regisseuren) sowie Verantwortlichen der Medienanstalten zusammenführen, um gemeinsam innovative Konzepte für Film und Fernsehen zu entwickeln. Auf diese Weise kann das Interesse an der mit Migration und Integration verbundenen Thematik in der Gesellschaft über authentische narrative Stoffe sensibilisiert werden.


Süheyla Ince: Türkin-/Türke-Sein in Deutschland

In ihrem Vortrag Türkin-/Türke-Sein in Deutschland thematisierte die Rechtsanwältin Süheyla Ince die Lebensräume der türkischstämmigen Migranten in Deutschland. Nach einer kurzen Einführung, in der die Referentin ihren persönlichen und beruflichen Hintergrund vorstellte, folgte ein kurzer Überblick anhand von ausgewählten statistischen Daten zur Demografie, sozialen Lage und Bildungssituation von türkischen Migranten in Deutschland.

Im Hauptteil ihrer Präsentation stellte die Rechtsanwältin mehrere Fallbeispiele aus ihrem beruflichen Umfeld dar. Diese Geschichten greifen – wie sie gleich zu Beginn ihrer Ausführungen hervorgehoben hatte – aufgrund ihrer Tätigkeit als Rechtsanwältin eher Probleme, Konfliktsituationen und „gerichtssaalreife“ innerfamiliäre Streitigkeiten auf. Nichtsdestoweniger belichten diese Beispiele weit mehr als den eigentlichen Konflikt, denn dieser wird nur vor dem Hintergrund des Zwiespalts von einem Leben in zwei Kulturen erklär- und lösbar. Für sie als Anwältin steht nicht die Person als „Mandant“ sondern der „Mensch“ mit seinem persönlichen Schicksal und spezifischen Lebensgeschichten im Vordergrund.

Frau Ince ist als in Deutschland geborene Türkin in einer liberalen Familie aufgewachsen. Vor elf Jahren schloss sie als einzige Türkin ihres Jahrgangs ihr Jurastudium ab und ist seither als Rechtsanwältin in Stuttgart tätig.

Das „Migrantensein“, hob sie hervor, sei ein sehr wichtiger Aspekt, der auch in ihrem Berufsleben eine wichtige Schlüsselrolle einnimmt. In ihrer Praxis als Anwältin kommt sie nicht nur mit türkischen Mandanten in Berührung, sondern auch mit Angehörigen anderer Kulturkreise. Deren Vertrauen gewinnt sie, wie sie es für sich formuliert, vor allem aufgrund ihres persönlichen Migrationshintergrundes. Das „Migrantensein“ sei von entscheidender Bedeutung für Zuwanderer, für ihre Selbstdefinierung und Identitätsbildung. Bei Rechtsstreitigkeiten und Konfliktsituationen greifen Migranten aus diesem Grunde lieber und ganz gezielt zur Hilfe einer Person, die selbst Migrationshintergrund und damit ähnliche Erfahrungen hat.

Angesprochen wurden im Vortrag im Rahmen eines knappen historischen Aufrisses Probleme unterschiedlicher Generationen türkischer Zuwanderer in Deutschland, die zunächst durch diametral entgegengesetzte Einstellungen zur geplanten Aufenthaltsdauer geprägt sind und in sich tiefgreifende Generationskonflikte verbergen. Während die erste Generation türkischer Zuwanderer ihr Leben in Deutschland als einen zeitlich begrenzten Lebensabschnitt wahrnahm und stets die Rückkehrabsicht in die Türkei vor Augen hatte, so ist die zweite und dritte Generation zwischen zwei Kulturen aufgewachsen und von beiden Lebensstilen geprägt: Der islamisch geprägten traditionellen Kultur in der Abgeschlossenheit des familiären Umfeldes und dem liberalen westlichen „draußen“ außerhalb des Familienkreises. Für die jüngere Generation bezeichnete Frau Ince den Zwiespalt, die Zerrissenheit, mit denen insbesondere junge Migranten und Migrantinnen konfrontiert sind, zwischen der eigenen Kultur und der westlich-europäischen als enorm prägend. Denn das Aufwachsen zwischen zwei Kulturen ist ihrer Meinung nach ein großes Glück und eine große Herausforderung zugleich, die erhebliche innere Kräfte beansprucht, um sich einerseits der blinden Übernahme der Tradition zu widersetzen und sich andererseits in einem anderen Umfeld zurechtzufinden und sich dort behaupten zu können.

Die breit gefächerten Lebensgeschichten, auf die Frau Ince in ihrem Vortrag einging, sind trotz ihrer Unterschiede durch die Thematik der Identitätssuche der zwischen zwei Kulturen lebenden und von diesen Kulturen geprägten Menschen verbunden: Sei es die Geschichte eines Liebespaares, das trotz des Willens der Familie zusammenfindet; zahlreiche Geschichten der „Import-Eheleute“; der sich bekämpfenden Straßengangs oder des vehementen türkischstämmigen Verfechters der Kehrwoche. Der Vortrag öffnete einen Spalt des Vorhangs, hinter dem sich die bunte Lebenswelt der türkischen Migranten in Deutschland verbirgt, und stellte doch sehr anschaulich dar, welche immensen Potenziale an narrativen Stoffen diese Welt in sich trägt und nicht ohne fachliche Experten an Autoren vermittelt werden sollte, um den üblichen Klischees in der visuellen Darstellung zu entgehen.

Irina Kiba und Emilia Schmackow:
Lebenswelten der Russlanddeutschen

Irina Kiba und Emilia Schmackow konzentrierten sich in ihrem Vortrag „Lebenswelten der Russlanddeutschen“ auf die Gruppe der Aussiedler in Deutschland. Die beiden Referentinnen stammen aus der ehemaligen UdSSR und kamen als Aussiedlerinnen mit ihren Familien in den 1990er Jahren nach Deutschland. In ihrem Vortrag berichteten sie fundiert und fachkundig über das Leben, die Schwierigkeiten und Erfolge ihrer Landsleute bei der Bewältigung des Alltags in Deutschland, die ihnen durch eigene Erfahrungen, ihr Engagement im Verein der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland e.V. und infolge ihrer ehrenamtlichen Beratungstätigkeit für Aussiedler vertaut sind.

Frau Kiba und Frau Schmakow, beide ausgebildete Lehrkräfte, betreuen die Neuzugänge der Aussiedler in der Region Karlsruhe und Rastatt und bieten neuen Gemeindemitgliedern Beratung in verschiedenen Bereichen (anmeldungs- bzw. generell verwaltungstechnische Fragen, Arbeits- und Wohnungssuche, Möglichkeiten der schulischen Bildung und Ausbildung für jugendliche Aussiedler usw.) an und verkörpern somit die erste Anlaufstelle für neu angekommene Aussiedler. Die gleiche Unterstützung gewähren sie auch bereits länger in Deutschland lebenden Landsleuten, wenn sie sich in schwierigen Situationen befinden.

Eingangs des Vortrages wurde von den Referentinnen ein historischer Exkurs in die fast zweihundertjährige Migrationsgeschichte der Russlanddeutschen dargeboten: Beginnend mit der Anwerbung der Deutschen durch den russischen Zaren Peter I. und seine Nachfolgerin, Zarin Katharina die Große, im 18. Jahrhundert, über die dramatische Verfolgungsgeschichte der deutschen Minderheiten in den 1930er bis Anfang 1950er Jahren und während der Stalindiktatur – bis hin zu den Anfängen der Rückübersiedlung nach Deutschland in den 1980er Jahren und schließlich dem Höhepunkt der Aussiedlerzuwanderung in den 1990er Jahren. Einer eingehenden Betrachtung wurde insbesondere diese Zeitspanne unterzogen, die die Zeit nach der Perestrojka umfasst, als die Massenübersiedlung der Russlanddeutschen aus den Regionen der ehemaligen UdSSR begann.

Für die Vermittlung eines besseren Verständnisses für die Ausreisegründe der Russlanddeutschen und ihre Sehnsüchte, trotz aller erdenklicher Schwierigkeiten ein neues Leben in Deutschland, in der neuen „Heimat“ zu beginnen, wurde im Vortrag die Situation der deutschen Minderheiten im Russland der letzten Jahrzehnte umrissen. Ein besonderer Akzent wurde anschließend auf die Situation der Aussiedler hier in Deutschland und deren Wahrnehmung durch die deutsche Aufnahmegesellschaft gesetzt. Hierbei konstatierten die Referentinnen, dass die Mehrheit der Aussiedler ihre deutsche Kultur, Sprache, Sitten und Bräuche – ihr „Deutschtum“ – in Russland über Generationen hin gepflegt, bewahrt und an die nachfolgenden Generationen weitergegeben haben. Die eingewanderten Aussiedler bringen der Ansicht der Referentinnen nach mehrheitlich einen starken Willen mit, sich möglichst schnell in die deutsche Gesellschaft zu integrieren, sie sind um eine schnelle Reintegration in das berufliche Leben bemüht und weisen dabei des Öfteren eine hohe Bereitschaft auf, selbst als Hochschulabsolventen bei entsprechender Qualifizierung und Fachkenntnissen auch geringqualifizierte Tätigkeiten im Berufsleben auszuüben. Angesprochen wurden auch Probleme, wie die erhöhte Kriminalität, Arbeitslosigkeit, sprachliche Defizite der jüngsten Aussiedlerzugänge, die in den Medien verstärkt Widerspiegelung finden.

Die dargestellten Lebensgeschichten ließen im Publikum bei der anschließenden Diskussion die Fragen nach den bestehenden Identitätsproblemen, insbesondere bei der jüngeren Generation der Aussiedler und nach den Beweggründen für die Ausreise nach Deutschland aufkommen. Dabei wurde deutlich, dass über die Identitätsprobleme und kulturellen Hintergründe der Aussiedlergruppe in Deutschland ein weit größeres Informationsdefizit besteht, als in Bezug auf die Lebenswelt der türkischen Mitbürger in Deutschland.

PODIUMSDISKUSSION

Die Fachveranstaltung mündete in eine Podiumsdiskussion zum Thema Migranten und Medien. Hierzu gelang es der BIF, namhafte Vertreter deutscher Medien und Senderverantwortliche an einem Tisch zu versammeln. An der Diskussion nahmen der Drehbuchautor und Schriftsteller Felix Huby, die Leiterin des Programmbereichs „Spiel-Film-Serie“ beim Bayerischen Rundfunk Bettina Reitz, der RTL-Redakteur und Verantwortliche für die Serie Alle Lieben Jimmy (RTL, 2005) Christian Rudnitzki sowie der Leiter des ZKM | Institut für Medien, Bildung und Wirtschaft und Initiator der BIF Michael Mangold teil. Das Gespräch wurde vom Medienfachjournalist Tilmann P. Gangloff moderiert.

Michael Mangold, Felix Huby, Tilmann P. Gangloff, Bettina Reitz und Christian Rudnitzki (v.r.n.l.)

Schwerpunktmäßig setzten sich die Disputanten mit dem Themenkomplex Migranten im deutschen Fernsehen auseinander. Die Diskussion war darauf ausgelegt, das im ersten Teil der Veranstaltung durch die Expertenvorträge eröffnete Gespräch über die Lebenswelten der Migranten zu vertiefen und die Möglichkeiten für deren Aufarbeitung in Film und Fernsehen aus der Perspektive von Fernseh- und Filmpraktikern zu belichten. Im Laufe der Diskussion wurde u. a. eine kritische Betrachtung der aktuellen Situation hinsichtlich der Berücksichtigung der Migrantenthematik im Fernsehen unternommen, Verbesserungsvorschläge diskutiert und eine Bilanz bezüglich der bereits angelaufenen bzw. laufenden Formate, die sich mit der Migrationsthematik auseinandersetzen, gezogen.

Unter den anwesenden Disputanten bestand Einigkeit darüber, dass insgesamt im Bereich Fernsehen – sowohl Unterhaltungsformate (wie Serien, Spielfilme, Comedy usw.) als auch Dokumentationen und Informationssendungen bereffend – in den letzten Jahren ein gesteigertes Interesse an der Migrationsthematik und insgesamt positive Veränderungen zu verzeichnen sind. Der Einblick in das TV-Programmangebot, in dem vielfältige wie anspruchsvolle Spiel- und Dokumentarfilme, aber auch Serien mit und über Migranten anzutreffen sind – auch wenn ihre Zuschauerpotentiale noch längst nicht ausgeschöpft sind – bestätigt zunächst diese Ansicht. Auch Filmfestivals, wie beispielsweise das Baden-Badener Fernsehfilmfestival, das bereits mehrere und thematisch sehr verschiedene Filme über Migranten zeigte (z.B. Wut WDR, 2005 oder Meine verrückte türkische Hochzeit RTL, 2005), und die Tatsache, dass sich sowohl die privaten wie öffentlich-rechtlichen Sender erstmals auch an das Format Ethnofamilien- bzw. Ethnocomedyserien (bspw. Alle lieben Jimmy RTL, 2005 oder Türkisch für Anfänger ARD, 2005) gewagt haben, bekräftigt diesen Eindruck.

Im Laufe der Diskussion wurde allerdings auch die Nachhaltigkeit dieser Entwicklung hinterfragt und die Zukunftspotenziale der gegenwärtigen Ansätze diskutiert. Trotz der positiven Bilanz sind einige Aspekte zu bemängeln. Unbefriedigend ist beispielsweise immer noch die quantitative Präsenz von Migranten und der Thematik in Bezug auf das gesamte Programmangebot. Diskutiert wurde ebenfalls die Tatsache, dass entsprechende Formate selten in der Prime Time ausgestrahlt werden. Die Bandbreite der Rollen für Schauspieler mit Migrationshintergrund ist nach wie vor eingeschränkt, die Charaktere sind nicht selten mit Klischees behaftet und die Stoffbearbeitung macht vielfach eine große Distanz zu den Lebenswelten der Migranten deutlich. Um diesem Zustand abzuhelfen, wäre es besonders wichtig, zu einer stärkeren Repräsentanz von Migranten in den Sendeanstalten und Produktionsfirmen beizutragen.

Einer kritischen Sicht wurde zudem die auffallend einseitige Gewichtung der gewählten Stoffe unterzogen: Die Gruppe türkischer Migranten käme bspw. im Vergleich mit anderen Migrantengruppen in unterschiedlichen Formaten und Produktionen relativ häufig vor. Auf andere Migrantengruppen, deren Präsenz im Fernsehen ebenfalls enorm wichtig ist, stößt man dagegen selten bzw. gar nicht. Diese Tatsache ist einerseits teilweise auf die zahlenmäßige Dominanz dieser Bevölkerungsgruppe und eine längere türkische Migrantionsgeschichte in Deutschland, andererseits auf die bislang unentdeckten Autoren und Produzenten mit einem anderen Migrationshintergrund zurückzuführen. Der Umstand der Dominanz der türkischen Bevölkerungsgruppe in bestimmten TV-Formaten ist jedoch auch einem einfachen Nachahmungseffekt zuzuschreiben.

An diesem Punkt wäre an eine weitere wichtige These anzuknüpfen, die insbesondere seitens der Senderverantwortlichen in der Runde hervorgehoben wurde. Hierbei handelt es sich um die enorme Bedeutung von authentischen Stoffen und den damit unmittelbar verbundenen Bedarf an guten Autoren, die umfassende Kenntnisse der darzustellenden Migrantengruppen besitzen und notwendige interkulturelle Erfahrungen mitbringen. Denn allein guter Wille, Filme über und mit Migranten zu machen, reicht bei weitem für die Umsetzung integrativer Ziele nicht aus. Damit ein Fernsehformat qualitativ hochwertig ist und einen entsprechenden Erfolg erlangt, müssen die diesem Format – seien es Spielfilme, Krimis oder Comedyserien – zugrunde liegenden Geschichten unterhaltsam sowie differenziert, authentisch, lebens- und zeitnah sein. Nur unter dieser Bedingung hat das jeweilige Format eine Chance auf Erfolg und kann zugleich auch einen positiven Beitrag zur Integration von Migranten leisten.

Insgesamt ist die BIF mit der erreichten Resonanz, den Impulsen dieser Veranstaltung und reichhaltigen Erkenntnissen sehr zufrieden. An dieser Stelle sei den Referentinnen und Disputanten, aber auch dem Fachpublikum herzlich gedankt. Die Fachveranstaltung hat deutlich gemacht, dass ein enormer Bedarf – für Fernsehpraktiker, Wissenschaftler und Autoren gleicher Maßen – im produktiven Austausch mit den Experten der Migrantengruppen besteht. Dies ermutigt die BIF zur Initiierung weiterer Fachveranstaltungen und Weiterbildungsangebote für Autoren im Jahr 2007.

Für ihre engagierte Teilnahme bedankt sich das Team der Bundesinitiative Integration und Fernsehen herzlich bei:

Dokumentation der Veranstaltung als PDF...

Weitere Informationen:

Fernsehfilmfestival Baden-Baden
ZKM | Institut für Medien, Bildung und Wirtschaft
Verband Deutscher Drehbuchautoren e.V.
ZKM | Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe

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